Inflation und Krieg zum TrotzStarkes Wachstum der US-Wirtschaft überrascht Analysten

Dank eines starken privaten Konsums und des "Boosters" KI kann sich das Wachstum der US-amerikanischen Wirtschaft sehen lassen. Doch Experten warnen, dass die positive Entwicklung nicht von Dauer sein dürfte - schließlich sei es "keine fantastische Welt".
Trotz des Iran-Kriegs ist die US-Wirtschaft im Sommer überraschend kräftig gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) kletterte im dritten Quartal aufs Jahr hochgerechnet um 3,4 Prozent, wie das US-Handelsministerium in einer ersten Schätzung mitteilte. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten für Juli bis September mit 3,2 Prozent gerechnet, nach plus 2,2 Prozent im Frühjahr. "Die US-Wirtschaft bleibt trotz aller Widrigkeiten auf robustem Wachstumskurs", sagte Bastian Hepperle von der Bank Bethmann HAL. "Das ist eine fantastische Entwicklung, aber keine fantastische Welt." Denn künstliche Intelligenz sei ein Wachstumsbooster, der perspektivisch an Schubkraft verliere. "Auch ist die Konsum-Story keine unendliche Geschichte."
Die Ausgaben der US-Verbraucherinnen und Verbraucher zogen im abgelaufenen Quartal annualisiert um 3,8 Prozent an. "Der private Konsum erweist sich weiter als Stütze trotz Inflation, hoher Spritpreise und steigender Zinsen", sagte USA-Experte Stephan Bales von der Förderbank KfW. Zugleich kurbele der KI-Investitionsboom seit Monaten das Wachstum an. "Allerdings wird KI auch zunehmend über Schulden finanziert, was das Wachstum anfälliger für plötzliche Liquiditätskrisen macht. Ohne den Stoßdämpfer des Eigenkapitals führen ausbleibende Gewinne bei hohen Zinsen schnell zu Zahlungsproblemen."
Analyst Hepperle warnte: "Um das Konsumtempo hochzuhalten, können Privathaushalte nicht beständig auf ihre Ersparnisse zurückgreifen." Nach den Zwischenwahlen zum US-Kongress Anfang November dürfte es kaum neue kostspielige Ausgabenprogramme der Regierung geben. "Auch wegen strafferer Finanzierungsbedingungen ist eine Konjunkturverlangsamung vorgezeichnet."
In den USA werden die Daten zum Wirtschaftswachstum annualisiert veröffentlicht. In Europa wird auf diese Methode verzichtet, weshalb die Zahlen nicht direkt miteinander vergleichbar sind. Um auf eine mit Europa vergleichbare Wachstumsrate zu kommen, müsste man die US-Rate durch vier teilen.
Fed stellt US-Wirtschaft sehr gutes Zeugnis aus
Die US-Notenbank Federal Reserve hatte den Leitzins am Mittwoch kurz vor den Zwischenwahlen in den USA unverändert gelassen. Der geldpolitische Schlüsselsatz bleibt damit in der Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent. Am Finanzmarkt rechnen Experten aber fest damit, dass die Währungshüter um Fed-Chef Kevin Warsh zum Jahresende ihre Geldpolitik noch einmal straffen und die Zinsen erhöhen. "Angesichts dieses Wachstums dürfte die US-Notenbank nicht zögern, auf ihrer Gremiensitzung im Dezember eine Leitzinserhöhung zu beschließen", sagte LBBW-Analyst Dirk Chlench mit Blick auf die BIP-Daten zum Zinsausblick.
Die Fed bezeichnete die Inflation als "weiter erhöht" - dies sehen Fachleute als Signal für einen künftigen Zinsschritt. Die Fed stellte der US-Wirtschaft ein sehr gutes Zeugnis aus: "Das Produktivitätswachstum ist stark, und die Investitionstätigkeit ist robust", hieß es im Begleittext zum Zinsentscheid.
Nach dem von US-Präsident Donald Trump und der israelischen Regierung Ende Februar begonnenen Iran-Krieg haben sich die Energiekosten für Firmen und Verbraucher stark erhöht. Die gestiegenen Lebenshaltungskosten sind auch eines der beherrschenden Themen im US-Wahlkampf. Bei den Kongresswahlen am 3. November könnten Trumps Republikaner ihre knappen Mehrheiten in beiden Parlamentskammern verlieren, im Repräsentantenhaus und im Senat.