500 Milliarden Dollar vernichtetGoogle-Bilanz verursacht historischen Kurssturz

Die Suchmaschine Google generiert seit mehr als zwei Jahrzehnten zuverlässig gigantische Gewinne für den Mutterkonzern. Die Aussicht, dass Künstliche Intelligenz dieses Geschäft bedrohen könnte, macht Anlegern Angst. Zudem wächst die Sorge, dass sich die gigantischen Investitionen in KI nicht rentieren werden.
Die Aktie des Google-Mutterkonzerns Alphabet hat ihren historisch schlechtesten Tag erlebt. Der Kurssturz vernichtete innerhalb kürzester Zeit rund 500 Milliarden US-Dollar an Marktwert des Unternehmens. In Dollarzahlen ist es einer der größten Kursverluste innerhalb eines Handelstages aller Zeiten. Der Absturz um 13 Prozent belastete den gesamten US-Aktienmarkt, insbesondere die technologieorientierte Börse Nasdaq, deren Leitindex gestern 1,4 Prozent nachgab.
Hintergrund des in der mehr als 20-jährigen Börsenhistorie von Google und Alphabet beispiellosen Absturzes ist die Sorge, dass die Kosten für den weltweiten KI-Ausbau die Erträge übersteigen könnten. Auslöser war, dass Google die Umsatzerwartungen der Anleger im vergangenen Quartal nicht erfüllen konnte. Die Furcht, dass sich die gigantischen Investitionen in Künstliche Intelligenz nicht rentieren könnten, während alte Geschäftsmodelle wegzubrechen drohen, betrifft die gesamte Technologiebranche.
Alphabet teilte mit, dass seine Sparte Google Services, die Suchwerbung, YouTube und Abonnements umfasst, 96,3 Milliarden Dollar erwirtschaftet habe. Damit verfehlte sie die durchschnittlichen Erwartungen der Analysten von 98,5 Milliarden Dollar. Dies signalisiert, dass sich Googles größter Umsatzmotor verlangsamt, da die KI die Art und Weise verändert, wie Verbraucher nach Informationen und Produkten suchen. Der Umsatz der Google-Suche wuchs im dritten Quartal im Jahresvergleich um 12 Prozent, nach einem Wachstum von 17 Prozent im zweiten Quartal und 19 Prozent im ersten Quartal.
Alphabet berichtete zudem über höher als erwartet ausgefallene Betriebskosten und einen negativen freien Cashflow. Das heißt, das Unternehmen gab inklusive Investitionen mehr Geld aus, als es einnehmen konnte. Dies verdeutlicht die enormen Kosten, die dem Unternehmen im Wettlauf um die Sicherung von Rechenzentrumskapazitäten und die Entwicklung neuer KI-Modelle entstehen.
All dies unterstreicht die zentrale Herausforderung nicht nur für Google und seinen Mutterkonzern: wie das Unternehmen sein lukratives Suchgeschäft um KI herum umgestalten kann, ohne es zu kannibalisieren. "Eines der Unternehmen, die am aggressivsten in KI investieren, um ihr Kerngeschäft zu schützen, hat eine Anfälligkeit für KI gezeigt", sagte Mike O'Rourke, Chef-Marktstratege bei JonesTrading, über die Alphabet-Bilanz. "Deshalb sind die Leute enttäuscht."
Der Einbruch des Aktienkurses von Google war so stark, dass die Aktie ein sogenanntes Todeskreuz bildete, bei dem der gleitende 50-Tage-Durchschnitt eines Aktienkurses unter den gleitenden 200-Tage-Durchschnitt fällt. Einige Analysten sehen in diesem starken Momentumverlust ein Signal dafür, dass der Kurs noch weiter fallen könnte.
Die Google-Suche generiert jährlich Hunderte Milliarden Dollar, indem sie eine Liste von Links anzeigt und Werbetreibenden jedes Mal Gebühren berechnet, wenn ein Nutzer auf einen gesponserten Link klickt. Eine KI-gestützte Suche ist jedoch in der Lage, diesen Prozess zu umgehen und eine einzige direkte Antwort zu geben, was den Bedarf an lukrativen Links verringert. Google geht vorsichtig vor, um herauszufinden, wie das Unternehmen die Nachfrage nach Antworten im Chatbot-Stil nutzen kann, ohne sein größtes Geschäft zu schädigen.
Während einer Telefonkonferenz mit Investoren und Analysten sagte Philipp Schindler, Chief Business Officer von Google, dass sich das starke Wachstum der Anfragen im "KI-Modus" auswirke, da diese zu einem geringeren Satz monetarisiert würden als in der traditionellen Suche. Und das, obwohl die Anfragen insgesamt so schnell wie seit vielen Jahren nicht mehr gewachsen seien. Das Unternehmen teilte mit, es bringe mehr Werbung in die Antworten im KI-Modus und beginne mit der weltweiten Einführung.
Google teilte zudem mit, dass erste Ergebnisse darauf hindeuteten, dass die Werbeformate funktionierten. Die Klickraten für gesponserte Produktanzeigen im KI-Modus seien bereits mit denen für organische Anzeigen vergleichbar, und das Nutzer-Research des Unternehmens deute ebenfalls darauf hin, dass die Menschen die Werbung als relevant empfänden.
Schindler führte einen Teil der Verlangsamung der Werbeeinnahmen von Google auf veränderte Wechselkurse, geringere Einnahmen von asiatischen Einzelhändlern aufgrund von EU-Regulierungsänderungen und eine durch die Weltmeisterschaft bedingte Verschiebung der Werbeausgaben in das erste Halbjahr zurück.
Während Google versucht, sein Suchgeschäft auf Anfragen im Chatbot-Stil umzustellen, nehmen konkurrierende KI-Unternehmen dessen Werbegeschäft ins Visier und präsentieren ihre eigenen Chatbots als bessere Möglichkeiten zur Antwortsuche. Andrew Boone, ein Aktien-Research-Analyst bei Citizens, sagte, dass die verstärkte Nutzung von KI-Diensten für Unternehmen von OpenAI und Anthropic einige der konsumstärksten Kunden von Google dazu veranlassen könnte, bei ihren persönlichen Suchen auf KI-Chatbots umzusteigen.
OpenAI, das im Februar mit dem Testen von Werbung bei einigen in den USA ansässigen ChatGPT-Nutzern begann, erklärte diesen Sommer, dass das Unternehmen auf dem besten Weg sei, einen jährlichen Werbeumsatz von einer Milliarde Dollar zu erreichen. Das Unternehmen hat sein Werbegeschäft in rasantem Tempo ausgebaut und kürzlich bekannt gegeben, dass mehr als 100.000 Werbetreibende Kampagnen auf ChatGPT geschaltet haben und Anzeigen mittlerweile in 89 Ländern weltweit verfügbar sind.
Dan Salmon, Analyst bei NewStreet Research, erklärte in einer Research Note für Investoren, dass die Werbedynamik von OpenAI für den Umsatz von Google zwar noch nicht wesentlich sei, ihr anhaltendes Wachstum jedoch die Fragen der Anleger verschärfen werde, wann Google Werbung in seinen Gemini-Chatbot einführen wird. NewStreet erklärte, dass Alphabet weiterhin mit Gegenwind konfrontiert sein werde, bis das Unternehmen das "Vertrauen in die Grundlagen der Suche und die KI-Monetarisierung" verbessern könne, was nach Schätzungen des Analysehauses bis zur ersten Hälfte des Jahres 2027 dauern könnte.


